Versuchen zu Verstehen was geschieht und geschah: Mörderische Ideologie ernst nehmen, verstehen und bekämpfen. Alle Ebenen, alle Mittel.

Wir sind immer noch schockiert über den Mordversuch an einem Antifaschisten am vergangenen Wochenende. Noch immer bangen wir um seinen Gesundheitszustand. Und wir fragen uns, was diese neue Eskalation in Göttingen für uns bedeutet. Fest steht: Wir müssen extrem rechte Gewalt, die Ideologie und die mörderische Absicht dahinter ernst nehmen und dafür sorgen, dass sie nicht wieder geschieht. Antifaschismus muss auf allen Ebenen praktisch und offensiv werden. Und er muss die gesellschaftlichen Grundlagen faschistischer Ideologie angehen.

Währenddessen ziehen verschiedenste Akteur*innen in dieser Stadt wirklich jeden Schluss aus diesem Mordversuch, nur nicht den Richtigen. Wenn Karina Hermann von der Göttinger CDU halluziniert, dass das „falls sich ein politisches Motiv bestätigt“ ein Angriff auf „uns“ und „unsere Gesellschaft“ wär, ist das falsch. Wenn das alle anderen bürgerlichen Parteien sagen, ist das falsch. Es war kein Angriff auf die CDU, SPD oder wie die ganzen Elendsverwalter heißen. Es war ein Angriff auf Linke. Es war ein Angriff auf alle, die „Nie wieder“ ernst meinen, die nicht nur „Nie wieder“ sagen und dann im nächsten Augenblick die protofaschistische AfD stoppen wollen, indem sie ihre Politik umsetzen. Rechte greifen Linke und Queers an, weil diese ausscheren wollen aus der Zwangsgemeinschaft Nation. Die Nation ist ganzer Stolz von Rechten und Copium, um mit der eigenen Knechtschaft zu dealen. Linke wollen sie für etwas Sinnvolleres aufheben und durch etwas Schöneres ersetzen. Die Nation wird verteidigt vor tatsächlicher oder imaginierter Gefahr. Das passiert immer gewaltvoll: Sei es in Schmähkampagnen im Netz von räudigen Hetz-Outlets, durch Abschiebungen, durch Gewalt im Alltag und in der Familie, Angriffe auf das als jüdisch Imaginierte, das Beschuldigen und Ausschließen von Sinti*zze und Rom*nja, oder eben durch konkrete Gewalt wie in den frühesten Stunden des 21. Juni. Ohne diese Arten der Gewalt gleichsetzen zu wollen, noch ihre Gewalttätigkeit auf eine Stufe zu heben: Die sogenannte Mitte kultiviert den Nationalismus, der Staat setzt ihn gewaltvoll in legaler Manier durch und die radikale Rechte übt ihn in seiner verohtesten Form aus.

Die faschistische Gewalt wird von den Fans der bürgerlichen Gesellschaft entkontextualisiert. Onyeka Oshionwu, die Oberbürgermeister-Kandidatin der Grünen, schreibt in ihrem Statement gleich ganz allgemein und abstrakt von “politischer Gewalt”, die zu verurteilen sei. Die Gewalt des Staates ist damit natürlich nie gemeint, dafür wird hier direkt die extremismustheoretische Gleichsetzung von rechts und links vorbereitet. Übersehen wird dabei, dass es erst ein militanter Antifaschismus war, der in den 90er Jahren dafür gesorgt hat, dass wir uns über mehrere Jahre in Göttingen relativ sicher fühlen konnten. Auch wenn klar ist, dass in diesem Fall vom Angegriffenen keine Gewalt ausging, so sollte uns das nicht davon abhalten, antifaschistische Militanz als ein Mittel in einer breiten Diversität von Taktiken zu betrachten und zu unterstützen – auch wenn wir als Gruppe andere Mittel wählen.

Besonders zum Kotzen ist diese Entkontextualisierung der Bürgerlichen, da sie sich zudem bereits in das Wahlkampfspektakel zur Kommunalwahl einreiht. Der Angriff auf einen Antifaschisten wird so genutzt, um möglichst toll klingende Worte über Demokratie oder ähnliche Scheiße in die Kameras, die Mikrofone und die Social-Media-Kanäle rein zu trällern und sich so jeweils als bestmöglicher Repräsentant bzw. Repräsentantin dieser Drecksgesellschaft auf kommunaler Ebene zu präsentieren.

Auf all diese Opportunistenschweine, die den Mordversuch verfremden und in einen Angriff auf bürgerliche Steigbügelhalter ummünzen, sind wir wütend, aber nicht enttäuscht. Sie waren und sind politische Opportunisten, damit war zu rechnen.

Enttäuscht sind wir hingegen von der Schamlosigkeit, mit welcher kleine, aber laute, Teile der Göttinger Linken den Angriff instrumentalisieren. 

So zu sehen am vergangenen Montag – bei einer Demo, bei der die erste Reihe aus einem SDAJ-Transpi und SDAJ-Flaggen bestand.

Es erscheint uns unbegreiflich, wie es in Anbetracht der gesamten Situation logisch erscheinen mag, die Wut und die Trauer über den Angriff zu verwenden, um einmal mehr mit den eigenen Fahnen durch die Innenstadt zu paradieren. Für wen seid ihr da? Wen wollt ihr erreichen? Was soll das aussagen? Warum ist eure Solidarität verbunden mit Selbstdarstellung? Damit seid ihr in diesem Fall auf dem selben Niveau wie die oben schon kritisierten bürgerlichen Opportunist*innen. Passend also, dass auch der SPD-Oberbürgermeisterkandidat Florian Dinger auf euerer Demo in seiner Rede über Bildung und Diversität im Endeffekt Wahlkampf für sich selbst macht.

Die Romantisierung nationaler Befreiungsbewegungen musste an diesem Abend natürlich auch von einigen Teilen der Göttinger Linken vor sich hergetragen werden. Wir können gern an allen anderen Tagen gemeinsam über die Sinnhaftigkeit von Nationalflaggen streiten, zumindest zu diesem Anlass hättet ihr diese Fahnen einfach zuhause lassen können, um gemeinsam Solidarität mit dem verletzten Genossen zu zeigen und die Demo nicht für euch zu vereinnahmen. Ihr habt die Versuche mit euch darüber zu reden nicht nur nicht angenommen, sondern habt am Ende der Demo das Mikro ergriffen. Das macht ihr nicht zum ersten Mal hier. Wir dachten aber, ihr habt diesmal den Schuss gehört und den Anstand mal weiter zu denken, als bis zum eigenen Frontlappen. Ihr habt am Tag nach dem lebensgefährlichen Angriff das Mikro ergriffen, die Bitte eure Fahnen für heute ruhen zu lassen als “antideutschen und zionistischen Angriff” geframed und euch zu den eigentlich Betroffenen gemacht. Ihr könnt es nicht aushalten, wenn es einmal nicht um euch geht. Alle zusammen habt ihr es erfolgreich geschafft, dass Menschen aus dem Umfeld des Betroffenen noch vor dem Loslaufen der Demo den Platz wieder verlassen haben, weil sie eure selbstdarstellerische Parade mit Wahlkampfslot nicht ertragen haben. Ihr habt ihnen diesen Moment der Solidarität verwehrt. 

Ob bei der bürgerlichen oder der links-autoritären Instrumentalisierung des lebensbedrohlichen Angriffs: Bei beiden wird der Kern faschistischer Gewalt nicht angeschaut, sondern sie wird instrumentalisiert für eigene Anliegen. In der einen Spielart für die bürgerliche Gesellschaft, in der anderen für einen verkürzten Antikapitalismus, der den Faschismus in seiner ML-Doktrin primär als Instrument der Herrschenden betrachtet und damit übersieht, wie sich faschistische Ideologie und Gewalt in allen Schichten dieser Gesellschaft auf Grundlage der bürgerlichen Verhältnisse herausbildet. Und in allen Spielarten immer wieder für die Nation. Dabei müsste gerade die Nation im Zentrum der Kritik stehen, ist sie doch diejenige Zwangsgemeinschaft, die die Faschist*innen retten zu müssen meinen und wegen derer sie mörderische Gewalt anwenden gegen alle, die dem vermeintlich im Wege stehen.

Und während so die rechte Gewalt unterschiedlich vereinnahmt wird, pushen Staatsanwaltschaft, Cops, Presse und Faschos gschon gemeinsam ein Narrativ der Täter-Opfer-Umkehr. Ein Freund des Täters erzählt gut gelaunt der Presse, dass er ja gar kein Nazi sein könnte, weil er auch Migranten im Freundeskreis hat. Und der Täter ist wieder frei, da er vielleicht aus Notwehr gehandelt habe. Welche Notwehr soll das sein, mit einem Messer auf einen Unbewaffneten einzustechen?

Der rechten Gewalt und ihrer Relativierung sollten wir alle als Antifaschist*innen gemeinsam entgegenstehen. Über unsere Analysen über die Grundlagen faschistischer Gewalt können wir sicher streiten, lasst uns das kontrovers und solidarisch tun. Aber hört verdammt nochmal auf, die Tat für euren Organisationsegoismus oder für Anliegen zu instrumentalisieren, die nichts damit zu tun haben.

Am Ende dieser Entrüstung wollen wir betonen, wie schön es ist, wie sonst alle Antifaschist*innen trotz sonstiger Differenzen zusammenrücken und sich gegenseitig supporten. Danke an alle, die Demos und Kundgebungen organisieren und tatsächlich ihr Entsetzen, ihre Trauer und Wut auf die Straßen tragen – ohne diese nur als Vorwand für Selbstdarstellung zu instrumentalisieren. Wir sind dankbar für alle Rettungs- und Pflegekräfte, die den Angegriffenen versorgen. Wir sind dankbar für alle, die die richtigen Schlüsse ziehen und nicht einfach ihre verwirrten Skripts abspulen. Lasst uns verstehen, wie die falsch eingerichtete Welt rechte Ideologie und Gewalt hervorbringt. Die konkreten Akteure benennen und bekämpfen. Solidarische Beziehungen aufbauen und den antifaschistischen Selbstschutz organisieren. Lasst uns etwas schöneres anbieten als Staat, Nation, Kapital und Patriarchat. Kämpfen wir für ein Ende der Gewalt.

Last but not least und in jeder Sekunde: Liebe und Kraft an den verletzten Antifaschisten.