Transgesundheitsversorgung verteidigen – Redebeitrag beim Aktionsbündnis trans*HRT

Wir sind sauer! Sauer auf die UMG, dass sie Hormone bei vielen nur noch als Privatrezept verschreibt. Dass die Verantwortung, die Kosten von der Krankenkasse erstattet zu bekommen, auf uns abgeschoben wird. Dass wir mit bürokratischem Aufwand und im Zweifelsfall hohen Kosten oder einer gesundheitsgefährdenden Versorgungslücke allein gelassen werden. Sauer darüber, dass hier wieder einmal gesellschaftliche Problemlagen, wie die Unterfinanzierung des Gesundheitssystems, auf dem Rücken von trans und nicht binären Menschen ausgetragen werden!

Um so glücklicher sind wir, hier heute mit euch gemeinsam zu stehen und zu zeigen, dass wir das nicht hinnehmen! Die Öffentlichkeit, die wir geschaffen haben, hat bereits Wellen geschlagen. Wenn wir uns zusammentun, uns organisieren und selbstorganisiert für unsere Interessen gegen Staat, Kapital und Patriarchat kämpfen, können wir etwas erreichen.

Der Kampf für kostenlose Hormontherapie ist wichtig, weil es hier erstens um essentielle Gesundheitsversorgung von trans Personen geht. Viele von uns brauchen diese, damit wir uns in unseren Körpern wohl fühlen können. Zweitens, weil hierin zwei gesellschaftliche Entwicklungen zusammenkommen, die nicht nur trans Personen bedrohen und gegen die wir uns deshalb alle wehren müssen: Nämlich die katastrophale, durch Ökonomisierung verursachte Situation des Gesundheitssystems und der queerfeindliche Backlash im Rahmen der gesellschaftlichen Rechtsverschiebung.

Durch die neoliberalen Reformen der letzten Jahrzehnte hat der Staat das Gesundheitssystem immer mehr als Markt gestaltet. Viele Krankenhäuser sind längst Unternehmen, die Profit erwirtschaften müssen und auch sonst wurden immer mehr Marktlogiken im Gesundheitssystem eingeführt. Märkte orientieren sich aber nicht an menschlichen Bedürfnissen, sondern daran womit Geld gemacht werden kann. Die Folgen sind immer mehr unnötige, aber lukrative Behandlungen und immer mehr Kürzungen beim Personal, das dadurch immer gestresster ist. Wer bei diesem Wettbewerb nicht mitmacht, geht unter. Dadurch wird die Gesundheitsversorgung insgesamt gefährdet. Neben den durch die Ökonomisierung bedingten unnötigen Behandlungen ist die finanzielle Lage der gesetzlichen Krankenkassen aber auch deshalb prekär, weil sich die Reichen einfach aus dem Solidarsystem ausklinken. Wer reich ist, gönnt sich oft eine private Krankenversicherung und finanziert dadurch nicht die Gesundheitsversorgung der finanziell ärmeren Mehrheit mit. Zudem zahlen Reiche auch in den gesetzlichen Krankenkassen durch die Beitragsbemessungsgrenzen prozentual zu ihrem Einkommen weniger als Ärmere. Das hat die gesetzlichen Krankenkassen in eine finanzielle Krise gebracht und nun versuchen sie zu kürzen wo sie können. In der Änderung der Diagnose von „Transsexualismus“ zu „Geschlechtsinkongruenz“ witterten einige Krankenkassen nun Potential, trotz aller Vorgaben vom Verband gesetzlicher Krankenversicherungen und von der Gesellschaft für Endokrinologie, Kosten für Hormonbehandlungen zurückzufordern. Und die UMG folgt in vorauseilendem Gehorsam.

Dabei ist es sicher kein Zufall, dass ausgerechnet bei trans Personen versucht wird, zu kürzen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir von den entsprechenden Krankenkassen entweder als zu vernachlässigende und für sie kostspielige Minderheit betrachtet werden oder die Verantwortlichen in den Krankenkassen sogar aus direktem Hass auf trans Personen gehandelt haben. Denn der nimmt gesellschaftlich im Rahmen der Rechtsverschiebung wieder zu. Es ist ein Kernanliegen der AfD und anderer rechter Akteur*innen, ein konservatives patriarchales Rollenbild wieder herzustellen und damit die Erfolge queerer und feministischer Bewegungen rückgängig zu machen. Damit stellen sie Anschlussfähigkeit bis weit in die Mitte der Gesellschaft her, wie auch die queerfeindliche Rhetorik von CDU und Co zeigen. In Zeiten vielfältiger gesellschaftlicher Krisen und Unsicherheiten versprechen die Rechten, die Handlungsfähigkeit des männlichen Subjekts, das sich nicht durch Rücksichtsnahme auf andere einschränken lassen will, wieder herzustellen und damit Sicherheit zu versprechen. Dafür muss alles, was dieses männliche Subjekt in seiner vermeintlichen Eindeutigkeit verunsichert, ausradiert werden – also in erster Linie queere Lebensrealitäten. Wozu das führen kann, sehen wir gerade in den USA, wo trans Personen nicht nur der Zugang zu medizinischen Leistungen abgeschnitten wird, sondern sie auch ihre Pässe mit geändertem Geschlechtseintrag zurückgeben mussten und Strafen für so basale Dinge wie das Besuchen der richtigen Toilette eingeführt werden.

Gerade angesichts dieser Entwicklungen ist es enorm wichtig, dass wir uns zusammentun, dass wir Strukturen aufbauen, in denen wir uns gegenseitig unterstützen können und durch die wir Widerstand gegen diesen queerfeindlichen Backlash und die autoritäre Formierung leisten können!

Der rechte Backlash zeigt sich auch in den Kommentarspalten unter den Instagram-Beiträgen des Aktionsbündnisses Trans* HRT. Hier sammeln sich Incels, Faschos, transfeindliche Feministinnen, und ganz normale Bürger, die in ihrem Shitstorm unsere Anliegen diskreditieren wollen. Dabei taucht auch immer wieder die Frage auf, warum denn die Allgemeinheit für unsere Behandlungen aufkommen soll, während andere wichtige Handlungen auch nicht bezahlt werden. Diese Argumentation zeigt die Erbärmlichkeit des spätkapitalistischen Subjekts in Zeiten der autoritären Wende, das sich nicht mehr eine Verbesserung für alle vorstellen kann, sondern das eigene Elend verallgemeinern will.

Gegen diese Logik des Elends stellen wir unsere Forderung nach guter und kostenloser Gesundheitsversorgung für alle! Dieses Wochenende finden bundesweit und auch in Göttingen – leider zeitlich überschneidend mit dieser Kundgebung – Liegend-Demos für bessere Gesundheitsversorgung für Menschen mit ME/CFS (was oft durch Long Covid ausgelöst wird) und mehr Forschung für Behandlungsmethoden statt. Solidarische Grüße gehen an dieser Stelle raus! Gemeinsam kämpfen wir für eine gute und kostenlose Gesundheitsversorgung!

Aber wir finden nicht nur die Gesundheitsversorgung sollte für alle Menschen kostenlos sein, sondern alle sollten Zugang zu allem haben was sie brauchen und was das Leben schön macht. Das wäre problemlos möglich, wenn wir die Gesellschaft nur anders organisieren würden, nach unseren Bedürfnissen und nicht nach Profit. Dazu gehört auch, dass Menschen selbst über ihre Körper entscheiden dürfen sollten und dass wir uns alle jenseits von zugeschriebenen Geschlechtsidentitäten frei entfalten können. In diesem Sinne geht der Kampf um kostenlose Hormontherapie nicht nur trans Personen etwas an, sondern alle. Denn wir kämpfen hier nicht nur für uns, sondern generell für kostenlose Gesundheitsversorgung für alle, für öffentlichen Luxus für alle, für eine Welt ohne Patriarchat und ohne Zwangsgeschlechter, für den queeren Kommunismus!

Aktionsbündnis trans*HRT

Das Aktionsbündnis trans*HRT bildete sich nach dem die UMG Rezepte für Hormonersatztherapien (engl. Hormone Replacement Therapy, kurz HRT) für trans* Menschen nur noch als privat Rezepte ausstellte, weil manche Krankenkassen, die Leistung nicht mehr übernehmen würden. Das Bündnis, von dem auch wir teil sind, organisierte eine Demo am 09.05.26 und schrieb einen offenen Brief an den Bereichsleiter der Endokrinologie Prof. Dr. Raddatz und die Kliniksleitung.