Warum wir von Frauen sprechen

Im Rahmen der Debatte rund um den 8.3 wurden verschiedenste Kritik an uns herangetragen. Wir wollen in diesem Text darauf eingehen, welche theoretischen Annahmen und Beweggründe dahinter stehen, warum wir vor allem von Frauen gesprochen haben in unseren Aufrufen. Darüber hinaus wurde uns des Öfteren Transfeindlichkeit vorgeworfen, zudem, dass wir exklusiv gegenüber Transmenschen seien. Wir weisen diese Vorwürfe bereits hier zurück und empfinden es als unsolidarisch uns vorzuwerfen, wir seien feindlich oder ausschließend eingestellt gegenüber Trans-Personen.

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Warum wir von Frauen sprechen

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Im Zuge des 8. März und der von der Gruppe Fancy und uns ausgerichteten Demonstration unter dem Motto “Kapitalistisches Patriarchat zerschlagen!”, wurden über diesen Verteiler verschiedenste Kritiken an uns herangetragen. Die meiste Kritik hat sich daran aufgehangen, dass wir in unseren Aufrufen vor allem von Frauen gesprochen haben. Mit dieser Antwort möchten wir unsere theoretischen Annahmen und Beweggründe darlegen, warum wir von Frauen als analytische Kategorie sprechen und auf die Kritiken eingehen. Unser Ziel war es darüber hinaus einen Text zu schreiben, der auch abseits der auf Göttingen bezogenen Debatte genutzt werden kann, weswegen er bewusst länger geworden ist. Wir verstehen diese Antwort als Debatten- und Diskussionsbeitrag. Wir wollen niemandem auf die Füße treten oder bewusst verletzen. Im ersten Abschnitt dieses Textes erläutern wir theoretische Grundannahmen zur Frage, warum wir von Frauen sprechen. Anschließend folgt eine Kritik des Queerfeminismus. Vor diesem Hintergrund schauen wir dann auf die konkreten Vorwürfe und Kritiken.

Wir begrüßen die Diskussion, die rund um den 8.März entstanden ist und führen sie mit dieser Antwort weiter. Im Zuge der Diskussion rund um den 8. März wurde uns des Öfteren Transfeindlichkeit vorgeworfen, zudem, dass wir exklusiv gegenüber Transmenschen seien – von Einzelpersonen, aber auch in einem Text der Basisdemokratischen Linken. Wir weisen diesen Vorwurf bereits hier zurück und empfinden es als unsolidarisch uns vorzuwerfen, wir seien feindlich oder ausschließend eingestellt gegenüber Trans-Personen.

Viel Spaß nun aber beim Lesen.

2. Warum wir von Frauen sprechen

Der wohl größte Aufhänger der Debatte war die Frage „warum so binär?“, oder allgemeiner gesprochen: Warum wir uns in Bezug auf Geschlecht primär auf die Begriffe Mann und Frau stützen. Ziel dieses Abschnittes ist es also, unser Verständnis von Geschlecht und der Kategorie Frau in diesem Verständnis zu umreißen, um Unklarheiten zu vermeiden, die sich in der aktuellen Debatte aufgetan haben. Um dieses Ziel zu erreichen, kommen wir jedoch nicht drumherum auch darauf einzugehen, was alles als “natürlich” in der aktuellen Gesellschaft erscheint und was das eigentlich mit Kapitalismus und Geschlecht zu tun hat.

2.1 Was heißt hier natürlich?!

Die erste Antwort auf diese Frage, die einem aus der bürgerlichen Gesellschaft, entgegenspringt, ist die, dass Geschlecht natürlich bedingt oder anders formuliert: Eine rein biologische Kategorie sei. Was in der Gesellschaft jedoch als natürlich scheint, ist es in vielen Fällen nicht. Beispiele dafür gibt es zur Genüge, auch ohne dass ein Blick auf das Patriarchat geworfen werden muss: So zum Beispiel der Glaube, dass der Kapitalismus der Natur des Menschen entspräche. Trotz eindeutiger wissenschaftlicher Widerlegung, hält sich dieser Glaube in großen Teilen der Gesellschaft hartnäckig.

Scheinbar ist es also gerade eine Eigenschaft unserer Gesellschaft, dass gesellschaftliche Aspekte naturalisiert werden, also soziale Phänome als natürliche verklärt werden. Dieser Mechanismus ist auch kein zufälliger, sondern hat in unserer Gesellschaft eine materielle Grundlage: Es ist der Kapitalismus, der soziale Prozesse natürlich erscheinen lässt. Diese Eigenschaft des Kapitalismus wollen wir kurz mit einem Beispiel darstellen: Der Preis einer Ware ergibt sich erst in einem allumfassenden Tauschprozess. Denn würden wir uns vorstellen, dass unsere Gesellschaft nicht auf Tausch basieren würde, dann hätten die Gegenstände auch keine Preise. Diese bekommen sie erst, eben weil sie mit allen anderen Waren vergleichbar sein müssen und Produkte von menschlicher Arbeit sind. Das heißt der konkrete Preis kann theoretisch nur komplett verstanden werden, wenn der Tausch aller Waren miteinander, die Art und Weise, wie die Gesellschaft arbeitet und wie dieses Produkt hergestellt wurde und viele andere Aspekte, die sich scheinbar hinter dem Rücken eines einzelnen Menschen abspielen, betrachtet werden. Eben weil diese ganzen Aspekte nur gesamtgesellschaftlich betrachtet werden können, wirkt es für den Einzelnen so, als würden diese gesellschaftlichen Prozesse sich dem Handlungsspielraum der Menschen entziehen. Es erscheint also den einzelnen Konsument:innen als habe die Ware diesen Preis per Natur, weil das auf den ersten Blick als die sinnvollste Erklärung scheint. Die Tatsache, dass diesen Objekten nur ein Preis zukommt, aufgrund der aktuellen Form der Wirtschaftsweise, wird nicht erkannt.

Dieses Phänomen zieht sich nicht nur durch die Wirtschaft, sondern erstreckt sich viel weiter: alle bürgerlichen Kategorien erscheinen so als scheinbar natürliche Eigenschaften der jeweiligen Dinge. Damit entsteht das, was eine “zweite Natur” genannt wird: Im Gegensatz zur ersten Natur (die ebenfalls bereits gesellschaftlich vermittelt ist) handelt es sich hierbei um gesellschaftlich oder ökonomisch hergestellte Kategorien, jedoch erscheinen sie als natürliche. Auch Geschlecht wird aufgrund solcher Mechanismen zu einer überhistorischen, scheinbar rein biologischen Kategorie.

2.2 Geschlecht: Zwischen Natur und Gesellschaft

Nach diesem kurzen Exkurs zur Ökonomie, wollen wir jetzt einen Blick auf die Definition von Geschlecht werfen: Die kapitalistisch-patriarchale Ordnung basiert darauf, dass bestimmte Vorstellungen von Geschlecht existieren. So ist es für den Kapitalismus notwendig, dass es Menschen gibt, die unbezahlt reproduktive Arbeiten übernehmen, genauso wie das Patriarchat darauf aufbaut, dass Männlichkeit die Weiblichkeit abwertet. Diese Anforderungen ergeben sich aus der Art und Weise wie die aktuelle Gesellschaft ihre Institutionen und Wirtschaft organisiert. Sie erscheinen jedoch aufgrund des oben erklärten Mechanismus als natürliche Eigenschaften der Menschen, die sich nicht ändern könnten. Das beste Beispiel für solche Vorstellungen sind Aussagen wie „Boys will be Boys“ oder ähnlicher Schwachsinn.

Dennoch gibt es offensichtlich einen Unterschied der geschlechtlichen Kategorien zu ökonomischen Kategorien: Die bürgerlichen Definitionen von Geschlecht beziehen sich immer auch auf tatsächlich körperliche Eigenschaften, wie zum Beispiel die Gebärfähigkeit. Auch eine materialistisch-feministische Begriffsfindung muss diese körperlichen Aspekte berücksichtigen, eben weil Staat, Kapital und Patriarchat die Körper der Frauen zum Beispiel aufgrund ihrer Gebärfähigkeit unterwerfen. Fortpflanzungsorgane werden aber wieder herum erst durch die Gesellschaft zu einem relevanten Kriterium menschlicher Körper gemacht.

Unsere Definition von Geschlecht bewegt sich in diesem Spannungsfeld: Einerseits bezieht sich Geschlecht auf die erste Natur, ohne in dieser komplett aufzugehen. Andererseits erscheint sie nur als natürlich aufgrund gesellschaftlicher Prozesse und erfährt durch diese ihre gesellschaftliche Wirkmächtigkeit. Oder anders gesagt: Wir beziehen uns somit weder auf ein biologistisches Verständnis von Geschlecht, noch auf eines, welches von Dekonstruktivist:innen benutzt wird.

2.3 Wieso wird die menschliche Natur geformt?

Um einen sinnvollen Begriff von Geschlecht zu entwickeln, ist es notwendig, sich mit der Funktion von Natur und mit dem Umgang mit der Natur im Kapitalismus zuzuwenden. Jede Zivilisation zeichnet sich dadurch aus, in einem bestimmten Verhältnis zur Natur zu stehen, konkreter: diese zum Zweck der eigenen Ziele zu unterwerfen und zu benutzen. Gemeint ist damit das Abholzen von Bäumen, aber auch noch einfachere Dinge, wie zum Beispiel das Errichten von Werkzeugen. Zur Natur gehört jedoch nicht nur die den Menschen äußerliche Natur, wie zum Beispiel die Wälder oder Flüsse, sondern auch die menschliche, körperliche Natur. Mit der voranschreitenden Naturbeherrschung steigen auch die Möglichkeiten diese Natur des Menschen zu unterwerfen und zu kontrollieren. Auf diese Weise werden spezifische Gesellschaftscharaktere geschaffen, Bedürfnisstrukturen und Gefühlsweisen geformt. An sich wäre das kein großes Problem, wenn die Gesellschaft so konstruiert wäre, dass diese Naturunterwerfung immer zu Gunsten der Menschen und innerhalb der planetarischen Grenzen organisiert werden würde. In unserer Gesellschaft ist dies jedoch nicht der Fall: Die Naturunterwerfung wird zu Gunsten des Kapitals organisiert. Zusammengefasst ist das der Grund, warum diese Formung bestimmter patriarchaler Charaktere nicht einfach ein sprachliches oder kulturelles Problem ist, sondern in der Struktur unserer Gesellschaft verankert ist. Offen bleibt jetzt jedoch nun noch die Frage, wie diese Naturunterwerfung konkret aussieht und was das ganze mit Patriarchat zu tun hat.

2.4 Back again: Exkurs in die Kapitalismuskritik die zweite

Die direkte Auseinandersetzung mit der Natur wird über die Form der Arbeit und Produktion gesteuert. Deswegen lohnt es sich, einen Blick auf die Arbeitsweise zu werfen: gearbeitet wird im Kapitalismus nicht, um Güter für den Gebrauch zu produzieren, also es wird nicht das produziert, was die Menschen gerade benötigen. Vielmehr wird das produziert, was sich am besten gegen andere Waren eintauschen lässt und ganz am Ende des Tausches steht dann eventuell der Gebrauch. Oberstes Kriterium ist also, dass das produziert werden muss, was am ehesten umgetauscht werden kann. Damit alle Waren miteinander verglichen werden können, zählt auch nicht die konkrete verrichtete Arbeit, sondern die Arbeit, die in der Gesellschaft im Durchschnitt für diese Ware aufgebracht werden muss. Es ist also die gesellschaftlich durchschnittliche Arbeitszeit, die den Wert der Ware bestimmt. Das lässt sich am einfachsten folgendermaßen zeigen: Nur weil eine Person lange für die Produktion braucht, hat das Endprodukt nicht mehr Wert. Wichtig ist es immer, mindestens genauso schnell wie oder schneller als der gesellschaftliche Durchschnitt zu sein. Die

Arbeit hat dabei zwei Seiten: Einerseits schafft sie einen Gebrauchsgegenstand – sagen wir einen Stuhl. Geschaffen wird diese Arbeit von einem Tischler. Diese konkrete Form der Arbeit heißt konkrete Arbeit. Gleichzeitig hat dieser Stuhl einen Wert, welcher sich vergleichen lässt mit dem von anderen Waren. Damit etwas geschaffen wird (in diesem Fall der Wert), was vergleichbar ist mit allem anderen, muss von den jeweils konkreten Einzelheiten abstrahiert werden. Damit also die Produktion des Stuhls verglichen werden kann mit der Produktion eines T-Shirts zum Beispiel, muss von den jeweils unterschiedlichen konkreten Arbeiten abstrahiert werden. Übrig bleibt die sogenannte abstrakte Arbeit: eben diese Form der Arbeit, welche den Wert schafft. Jede Arbeit im Kapitalismus, die für den Tausch produziert ist sowohl konkrete Arbeit, als auch abstrakte Arbeit. Die konkrete Arbeit schafft den Gebrauchsgegenstand, die abstrakte Arbeit den Wert. Letztere ist somit frei von jeglicher konkreten Tätigkeit.

2.5 Wieso das Kapital männliche und weibliche Subjekte schafft

Im Kapitalismus profitbringend ist also die abstrakte Arbeit. Damit gehen spezifische Anforderungen an die Individuen einher. Beugen sich die Individuen nicht diesen Anforderungen, gehen sie im allgemeinen Konkurrenzkampf unter. Besonders erfolgreich sind also diejenigen Individuen, die selber am besten zu den Anforderungen passen. Konkret bedeutet dies, ein möglichst effizientes, allseitsbereites und rationales Subjekt zu sein. Gleichzeitig braucht diese Gesellschaft aber aus mehreren Gründen auch ein weiteres Subjekt, das geschaffen werden muss:

Erstens muss jeder Mensch, um solchen Anforderungen gerecht werden zu können, zwangsläufig eigene Bedürfnisse und Emotionen abspalten. In diesem Fall sind das zum Beispiel Eigenschaften wie Emotionalität und Verletzbarkeit. Diese Eigenschaften verschwinden nicht einfach, nur weil die Ökonomie das gerne hätte, sondern müssen aufgefangen werden. Dafür sorgt die Gesellschaft, indem sie eben jenes zweites Subjekt schafft. Darüber hinaus sorgt die Abspaltung dieser Eigenschaften im Individuellen auch dafür, dass die jeweiligen Individuen die abgespaltenen Eigenschaften auf andere projizieren und somit ebenfalls dieses zweite Subjekt „schaffen“.

Zweitens braucht es auch aus ökonomischen Gründen Menschen, die sich um die reproduktiven Tätigkeiten (Kinder erziehen, Essen kochen, Wäsche waschen etc.) kümmern. Diese Tätigkeiten können nicht nach den Anforderungen der Effizienz organisiert werden und müssen deswegen außerhalb des unentgeltlich erledigt werden, weil das Kapital es sich nicht leisten kann.

Weil schon vor der Einführung des Kapitalismus die Gesellschaft patriarchal organisiert war, ist auch der Kapitalismus patriarchal strukturiert und diese Subjekte werden anhand der Geschlechter männlich und weiblich verteilt – Männlichkeit wird als effizient und rational, Weiblichkeit als emotional und fürsorglich definiert. Das Männliche wird somit in dem Zusammenhang von Patriarchat und Ökonomie aufgewertet, während das Weibliche abgewertet wird. Nicht nur das: Auf individueller Ebene spalten die so konstruierten männlichen Subjekte die Eigenschaften ab, die nicht in dieses zweiteilige Schema passen. Die so geschaffenen Subjekte sind allerdings sehr fragil und in imaginierten oder tatsächlichen Krisensituationen resultiert diese Abspaltung in Gewalt, die sich gegen diejenigen richtet, die als weiblich identifiziert werden – Frauen und Queers. Gewalt richtet sich also nicht bloß gegen Frauen, auch Queerfeindlichkeit ist ein Resultat von männlicher Gewalt gegen Weiblichkeit. Gemeint ist damit nicht, dass wir von außen sagen würden, dass queere Personen „die Weiblichkeit“ repräsentieren würden, sondern dass in der patriarchalen Logik die Abwertung von allem Nicht-Männlichem darauf basiert, dass Weiblichkeit abgewertet wird.

2.6 Queere Identitäten und die Möglichkeit des Widerspruchs

Die Analyse bezieht sich darauf, welche Subjekte diese Gesellschaft systematisch aufgrund ihrer materiellen Struktur hervorbringt und wie sie diese ordnet. Diese Subjekte bringt die Gesellschaft hervor, indem sie alle Menschen ihr Leben über mit Anforderungen konfrontiert. Je nachdem, ob die Gesellschaft die Person männlich oder weiblich definiert,

folgen wahlweise Sanktionen oder Aufwertungen für unterschiedliche Handlungen. Diese Anforderungen sind am deutlichsten in Form von kulturellen und moralischen Anforderungen, auch wenn ihre Ursache viel tiefer liegt – in der Ökonomie und in den Institutionen.

Dennoch ist das ganze nur die halbe Wahrheit, denn was die angesprochenen Menschen aus diesen Anforderungen machen, also ob sie sich dieser Zweiteilung unterwerfen, ist nicht vorherbestimmt durch die Analyse: Für uns ist klar, dass queere Identitäten nicht deswegen ihre Bedeutung verlieren, nur weil der Kapitalismus sich in die zwei Sphären Männlich und Weiblich trennt. Darüber hinaus weisen wir den uns von der Basisdemokratischen Linken implizit gemachten Vorwurf der Transfeindlichkeit aus zwei Gründen zurück: Erstens, weil auf analytischer Ebene wir den Begriff der Frau nicht mit der biologischen Definition gleichsetzen, sondern als gesellschaftliche Kategorie begreifen. Die oben erläuterte Analyse geht nicht davon aus, dass alle Subjekte, die von Staat und Gesellschaft bei der Geburt in einer der beiden Zwangskategorien gesteckt wurden, diese geschlechtliche Identität annehmen. Sie behauptet lediglich, dass die jetzige Gesellschaft strukturell diese beiden vergeschlechtlichen Subjekte erschafft und systematisch reproduziert. Wie die Individuen mit diesen „Anrufungen“ umgehen, ist nicht vorherbestimmt.

Zweitens, zur Klärung unseres Begriffes, sind Trans-Frauen Frauen und für uns in diesem Begriff dementsprechend mit gemeint.

2.7 Back to topic: Warum wir von Frauen sprechen

Nach dieser langen Vorrede wollen wir nun zurück zu der eigentlichen Frage kommen, warum wir in unserem Aufruf explizit von Frauen reden. Wie unsere Analyse oben schon angedeutet hat, liegt die Ursache von patriarchaler Gewalt in der Abwertung von Weiblichkeit. Wir nutzen den Begriff „Frau“ deswegen auf analytischer Ebene, um diese Ursache in der hierarchisch strukturierten Zweigeschlechtlichkeit zu benennen und diese männliche Gewalt als Gewalt gegen Weiblichkeit zu benennen. Trotz alledem erzeugt das Patriarchat auch systematisch Gewalt gegen queere Personen, die wir nicht leugnen, sondern die benannt werden muss. Wir erachten deswegen den Vorschlag, im Kontext patriarchaler Gewalt von Gewalt gegen Frauen und Queers zu sprechen, als am sinnvollsten.

In Bezug auf die Organisation der Reproduktion halten wir es weiterhin für notwendig, den Begriff Frau zu benutzen. Gemeint ist damit keine Identität, die den Menschen innewohnen würde und eine homogene Masse in der Gesellschaft darstellen würde, sondern eine Subjektivität, die durch die Form der gesellschaftlichen Reproduktion wirksam wird. Die Gesellschaft überträgt die reproduktiven Aufgaben einem Subjekt Frau, welches sie selber konstruiert. Es gilt also, dieses Subjekt anhand der dauerhaften Unterdrückung zu politisieren, unter anderem aus dem Grund, dass eine sprachliche Dekonstruktion nicht möglich ist. Damit ist auch schon das letzte, aber wohl wichtigste Argument, angeschnitten: Die bürgerliche Gesellschaft schafft hauptsächlich männliche und weibliche Subjekte. Es ist in keinster Weise das Ziel diese Trennung zu verfestigen, wohl müssen wir aber erkennen, dass diese gerade die gesellschaftliche Realität darstellt und die jeweiligen Menschen anhand ihrer konkreten Lebenserfahrung abholen. Deswegen halten wir es für notwendig den Begriff Frau nicht in einem Sammelbegriff untergehen zu lassen, sondern als gesellschaftliche Realität stehen zu lassen.

3. Kritik des Queerfeminismus

In diesem Abschnitt werfen wir einen ideologiekritischen Blick auf den Queerfeminismus. Dabei ist klar, dass es streng genommen den einen Queerfeminismus nicht gibt und eine umfassende Kritik zwischen Queer Theory und queerfeministischem Aktivismus in seinen verschiedenen Ausprägungen unterscheiden muss. Wir denken dennoch, dass wir im Folgenden wesentliche queerfeministische Grundannahmen berücksichtigt haben.

3.1 Über neoliberale Politik

Zunächst geht es hier um die Frage, wie der Neoliberalismus bestimmte Politikstile hervorbringt. Der unter kapitalistischen Bedingungen generell bestehende Verwertungszwang stellt wachsende Ansprüche an die Subjekte. Das Besondere am Neoliberalismus ist es nun, dass diese Ansprüche jede*r einzeln erfährt – kollektiven Widerspruch und gemeinsame Vernetzung gibt es in der neoliberalen Ideologie nicht. Der Druck, sich selber vermarkten zu müssen, steigert sich dementsprechend enorm.

Um sich dennoch einen Weg zu bahnen, erschließen sich die Subjekte die Welt von ihrem einzelnen Standpunkt aus und verorten sich individuell in dem gesellschaftlichen Ganzen. Vor diesem Hintergrund verliert sich der Bezug auf die Gesellschaft als Ganzes. Stattdessen wird die objektive Wirklichkeit nicht mehr in ihrer Gesamtheit betrachtet, sondern zerfällt in kleine, partikulare Erzählungen. Diese Vereinzelung hat auch Folgen für die Art der Politik, die sich den Individuen am ehesten anbietet: Politische Forderungen werden aus den vereinzelten Standpunkten formuliert, anstatt ausgehend von Gemeinsamkeiten und entdeckten objektiven Strukturen die eigene Praxis abzuleiten.

3.2 Was hat nun der Neoliberalismus mit dem Queerfeminismus zu tun?

Die queerfeministische Identitätspolitik knüpft an genau diese Vereinzelung und Subjektorientierung an und zielt hierbei auf keine kollektive Praxis, die die materielle Grundlage der patriarchal-kapitalistisch organisierten Gesellschaft aufheben möchte. An den eigenen subjektiven Erfahrungen anzuknüpfen ist an sich nicht falsch, sondern vor allem notwendig, als agitatorisches Mittel, jedoch müssen dann die Gemeinsamkeiten und verbindende Elemente hergestellt werden, um gegen das kapitalistische Patriarchat vorzugehen.

Der Queerfeminismus hingegen geht nur von einem Partikularismus aus. Das heißt, dass er die einzelnen Individuen und ihre Identitäten als isoliert voneinander betrachtet und den eigentlichen Fokus auf das Individuelle und die Emanzipation des Einzelnen hat. Das Problembewusstsein begründet der Queerfeminismus dann unter Begzunahme auf subjektive Diskriminierungserfahrung. Auch diese Erfahrungen werden jedoch isoliert voneinander betrachtet, was sich unter anderem darin zeigt, dass die Analyse nicht über diese individuellen Erfahrungen hinausgeht. Das Ziel feministischer Theorie sollte es jedoch sein, diese individuellen Erfahrungen in ein Verhältnis zu setzen zu der gesamten Gesellschaft und ihren Institutionen und Gemeinsamkeiten politisch auszuarbeiten.

Zudem nimmt der Queerfeminismus dabei, wie der liberale Feminismus, Herrschaft vor allem kulturalistisch wahr. Als Ursprung der Gewalt werden also bestimmte Strukturen in der Kultur oder der Sprache benannt. Das Ziel des Queerfeminimus besteht folgerichtig darin, die bestehende Gesellschaft kulturell zu öffnen, um queeren Lebensweisen Akzeptanz und Würde zu verschaffen. Aus einer solchen Problembestimmung und einer fehlenden kollektiven Praxis, die die materielle Basis versucht anzugreifen, bleibt lediglich eine Praxis, die die bestehende Gesellschaft reformistisch verändert. Damit verbleibt der sich rebellisch gebende Queerfeminismus und dessen Forderungen nach Sichtbarkeit im Status einer konformistischen Rebellion, die Herrschaft diverser und erträglicher machen will, sie jedoch gleichzeitig bestätigt.

Das soll nicht heißen, dass nicht für Freiheitsmöglichkeiten und Errungenschaften von und für Frauen und Queers im Hier und Jetzt zu kämpfen sei. Eine revolutionäre feministische Realpolitik kann und sollte genau dies tun. Diese Praxis und realpolitischen Forderungen müssen aber immer mit einer kollektiven Praxis und dem revolutionären Ziel der befreiten Gesellschaft vermittelt sein, sonst bleibt die Rebellion ein Schein.

3.3 Warum Identitäten keine Befreiung bringen

Nach dieser allgemeinen Kritik werfen wir nun einen genaueren Blick auf den queerfeministischen Bezug auf Identitäten. Denn auch hier zeigt sich, dass der Queerfeminismus mit den gesellschaftlichen Verhältnissen weitesgehend zusammen passt. Diese liegt vor allem darin, dass Identitäten affirmiert, also bekräftigt, werden. Sie sind der Dreh- und Angelpunkt des queerfeministischen Aktivismus. Die von Judith Buttler noch vertretene dekonstruktivistische Strategie gerät offensichtlich in der Praxis in ein Dilemma, da Identität gerade für marginalisierte Gruppen eine Sicherheit und eine Position markieren, von der aus Forderungen formuliert werden. Identitäten, die als gegenhegemonial wahrgenommen werden, werden nicht mehr kritisch befragt, sondern vielmehr unter Schutz gestellt. Auf diese Weise wird das identitätskritische Moment, welches zur Überwindung dieser führen soll, kassiert. Wo es früher darum ging, letztendlich gesamtgesellschaftlich Geschlechter aufzulösen, werden jetzt die Identitäten bekräftigt.

Doch was kritisieren wir an dieser Affirmation von Identitäten? Es ist notwendig, Identität von Subjekt zu unterscheiden. Identität bezeichnet keine Eigenschaft einer Person oder Gruppe, sondern ist zu einem ein Selbstverständnis, aber auch eine Fremdzuschreibung. Es handelt sich bei Identität um eine Anforderung der kapitalistischen Gesellschaft: Mit einer durch Lohnarbeit geprägten Gesellschaft geht die Notwendigkeit einher, dass sich das Individuum für sich privat reproduziert. Dadurch, dass es sich einem in unpersönlichen, abstraktem Abhängigkeitsverhältnis befindet (und nicht wie früher in persönlichem oder traditionellem Abhängigkeitsverhältnis) muss es sich dabei für sich selbst zu dieser Gesellschaft ins Verhältnis setzen. Nur so kann es sich im Warentausch als mündiges Vertragssubjekt bewähren. Im Neoliberalismus verschärft sich diese grundsätzliche Anforderung an das Subjekt: Die Individuen sind unter ständigem Verwertungszwang zu Konkurrenz und Innovation getrimmt und trimmen sich selbst dazu. Die queerfeministische Grundannahme, dass sich das gesellschaftliche Herrschaftsverhältnis in der Anforderung nach möglichst kohärenten Identitäten ausdrückt, deren Unterwanderung ein subversiver Akt sei, ist vor diesem Hintergrund falsch. Vielmehr entspricht es gerade der spätkapitalistischen Ideologie und Subjektivierung, plurale, multiple und fluide Identitäten zu “finden”.

Das zum Teil gute Gefühl, welches mit der Gewissheit kommt, endlich die passende Identität gefunden zu haben, ist völlig legitim und fühlt sich deshalb so gut an, weil es Resultat der Anpassung der Subjekte an die Anforderungen der Funktionslogiken dieser Gesellschaft ist. Dies bedeutet nicht, dass es legitime feministische Praxis wäre, Individuen ihre Selbstdefinition abzusprechen. Die Kategorie Identität muss jedoch weiterhin kritisiert werden. Dies trifft auch auf die Geschlechtsidentität zu: Aus materialistischer Perspektive ist Geschlecht eben nicht nur Geschlechtsidentität, und damit nicht nur eine rein innerpsychische Angelegenheit. Vielmehr ist Geschlecht eine Kategorie, die an soziales Geschlecht und teilweise auch an Körperlichkeit gebunden ist, wie wir weiter oben versucht haben, deutlich zu machen.

3.4 Fernab vom Neoliberalismus: Kritik der Identität die Zweite

In dem obigen Abschnitt sind wir kurz darauf eingegangen, inwiefern das Finden einer eigenen Identität als Bedürfnis auch dem Neoliberalismus entspringt oder wichtiger: Kein Widerspruch zu dem Neoliberalismus ist. Unabhängig von dem Neoliberalismus, in welchem wir leben, sehen wir jedoch noch ein weiteres Problem darin, das Aufgehen in Identitäten als emanzipatorisches Ziel zu betrachten, auf welches wir hier nochmal eingehen wollen.

Identitäten schaffen Selbstbewusstsein, insofern als dass die eigenen Eigenschaften benannt und eingeordnet werden können und das eigene Selbst im Verhältnis zu anderen gesetzt werden kann. Die große Menge an Eigenschaften, Merkmalen und ähnlichem wird in einem Begriff zusammengefasst, den wir selber wieder mit Eigenschaften füllen können und auf den wir uns selbstbewusst beziehen können. Bei all diesen Vorteilen kommt jedoch immer ein entscheidender Nachteil mit, der – gerade in der aktuellen Debatte – häufig nicht betrachtet wird: Wir gehen als Menschen niemals per Geburt in einer Identität auf, sondern jede Identität bringt auch zwangsläufig eine Abspaltung eben jener Eigenschaften mit sich, die nicht in diese Identität passen. Das Ziel jeder feministischen Politik ist es jedoch eine Gesellschaft zu erreichen, die eben diese Abspaltung nicht mehr in den Subjekten benötigt und gewaltvoll hervorbringt. Eine solche Gesellschaft erreichen wir folgerichtig nicht, indem wir das Aufgehen in Identitäten als politisches Hauptziel betrachten. Es braucht einen Umgang mit Identitäten, der sich des Widerspruchs bewusst ist, dass politische Identitäten bei sozialen Kämpfen notwendig sind, obwohl diese an sich nicht befreiend sind.

Warum wir diesen Punkt noch einmal hervorheben, liegt daran, dass der aktuell hegemoniale Diskurs Identitäten eben so begreift, als wären die Subjekte mit diesen Identitäten identisch. Darin könnte auch ein Grund liegen, weshalb unser Aufruf auf solchen Unmut gestoßen ist: Wenn wir von Frau als Identität sprechen, meinen wir auf keinen Fall, dass es Menschen gäbe, die den Anforderungen und Eigenschaften, die mit dieser Identität kommen, entsprächen würden. Im Gegenteil: Es gibt keine Menschen, die nur weiblich konnotierte Eigenschaften besitzen, Frauen wird lediglich von der Gesellschaft gewaltvoll beigebracht, diese Eigenschaften zu zeigen und andere abzuspalten. Der aktuelle Diskurs, der für alle Menschen eine passende Identität finden möchte, suggeriert in seiner Definition der Kategorie Frau, dass diese per Geburt oder per Sozialisation lediglich weibliche Eigenschaften hätten, was wir für falsch halten.

3.5 Über das falsche Verständnis von Gesellschaft im Queerfeminismus

Es zeigt sich also, dass dem Queerfeminismus ein ungenügendes Verständnis von Herrschaft zugrunde liegt. Innerhalb der queerfeministischen Bewegung bestimmt sich das Individuum nicht mehr als Teil eines Kollektivs, sondern leitet sein Interesse und Forderungen aus dem Selbstbild ab. Durch die Herstellung von Identität durch ein subjektives und zwischenmenschliches Verhältnis und nicht durch die objektive/materielle Struktur, kann der Queerfeminismus nicht aus den materiellen Verhältnissen entspringenden Interessensgegensätzen denken. Stattdessen werden die anderen Identitäten als Erfüllunsgehilfen moralisch in die Verantwortung gezogen. Hier zeigen sich einerseits Momente eines bürgerlichen Gesellschaftsverständnisses. Zudem bleibt in den Analysen des Queerfeminismus zu Identität daher unklar, warum vergeschlechtliche Herrschaftsbeziehungen entstehen, aus welcher Motivation sie sich reproduzieren und welche Dynamik sie antreiben und warum sich die Binarität so hartnäckig hält.

3.6 Was hat diese Kritik mit der Kategorie Frau zu tun?

Der Queerfeminismus hat weiterhin keinen Begriff der gesellschaftlichen Totalität. Objektive Gegebenheiten/Begriffe, die sich aus der Struktur der Herrschaftsverhältnisse ergeben, werden lediglich in subjektiven Erfahrungen zerfasert. Die Identitätskategorie Frau erschließt sich jedoch erst im Lichte einer gesamtgesellschaftlichen Arbeitsteilung, in welcher Frauen die überwiegende Reproduktionsarbeit übernehmen müssen und das möglichst marktförmig gedachte Männliche ein anderes braucht, um sein emotionales Begehren abzuspalten. Die Zwangskategorisierung der als weiblich identifizierten Menschen, ist also immer eine herrschaftsförmige Sozialisation der gesamtgesellschaftlichen Arbeitsteilung.

Zwar wird auch Reproduktionsarbeit auf Queere Identitäten abgewälzt oder eben nicht abgewälzt, das passiert aber nicht, weil sie Queer sind, sondern da sie in dieser Gesellschaft weiterhin in den Kategorien weiblich oder männlich gelesen werden. Zum Beispiel wird einer Non-Binary Person, die weiterhin von der Mehrheitsgesellschaft als männlich gelesen wird, nicht die Reproduktionsarbeit aufgedrückt.

3.7 Fazit

Ein wesentlicher Bestandteil queerfeministischer Politik liegt in der Durchsetzung und Wahrnehmung von Partikularinteressen bzw. fragmentierten Sichtweisen im Sinne von Diversität und Toleranz, beispielsweise in der Sprache. Es ist durchaus richtig, dass Menschen ihre Lebensumwelt subjektiv deuten und sich von dort aus erschließen. Doch bewegen sich die Menschen nicht nur in ihrer subjektiven Lebenswelt, sondern stehen immer auch in Wechselwirkung mit der objektiven Wirklichkeit. Durch diese erfahren sie beispielsweise Zuweisungen, Ansprüche und Sanktionen oder stehen in kollektiven Zusammenhängen mit anderen. Eine Deutung die sich subjektorientiert, also rein aus der eigenen Sichtweise, ableitet, fördert eine individualisierte Weltsicht und verortet auch gesellschaftliche Veränderung und Wirkungsmacht lediglich in einer individualisierten oder zwischenmenschlichen Form. Um diese Gesellschaft zu verstehen und letztendlich radikal umändern zu können, müssen wir jedoch die Gesellschaft in ihre Gänze und vor allem auch in ihrer Objektivität betrachten.

Da davon ausgegangen wird, dass es keine objektive Wirklichkeit gibt, sondern lediglich subjektive Konstruktionen und Interpretationen bestehen, die im Diskurs den Höhepunkt erreichen, wird die sprachliche Ebene als das politische Kampffeld ausgemacht, dass es zu verschieben gilt, und nicht die materielle Grundlage auf deren sich das kapitalistische Patriarchat eigentlich reproduziert.

4. konkrete Kritikpunkte

Nachdem wir soeben unsere Analyse dargestellt haben, wollen wir auf konkrete Kritik im Nachgang des 8. März eingehen. Ein Teil der Kritik zielt darauf ab, dass wir nicht zur Sichtbarmachung der Vielfalt antipatriarchaler Kämpfe beigetragen hätten. Dadurch würden wir Ausschlüsse und Gewalt reproduzieren. Den Vorwurf, unser Demoaufruf sei gewalttätig, halten wir für so daneben und problematisch, dass wir nicht weiter darauf eingehen werden. Nur so viel: Durch einen derart inflationären Gebrauch wird der Gewaltbegriff in einem Maße verwässert, dass reale patriarchale Gewalt verharmlost wird. Ebenso gehen die impliziten Vorwürfe von Transfeindlichkeit ins Leere, da von der uns nicht behauptet wurde, dass trans-, inter- und nichtbinäre Personen keine feministischen Kämpfe führen würden. Solche Unterstellungen finden wir unsolidarisch.

Die Geschichte des 8. März ist eine Geschichte kämpferischer und sozialistischer Arbeiterinnen. An diese Tradition knüpfen wir an. Dass für uns Frauen im Mittelpunkt dieses Tages stehen und nicht Non-Binaries oder Interpersonen impliziert keinen Ausschluss dieser Personen aus dem feministischen Subjekt. Auch diese Gruppen sind von patriarchaler Gewalt betroffen und führen feministische Kämpfe. Wir sehen jedoch nicht die Notwendigkeit, diese Kämpfe bei jeder feministischen Aktion “sichtbar zu machen”, sondern vielmehr zeigt sich in der ausschließlichen Skandalisierung von “Unsichtbarmachung” ein bürgerliches und formalistisches Politikverständnis.

So finden wir es in diesem Zusammenhang bezeichnend, dass die Kritik an Redebeitrag und Aufruf sich lediglich um die verwendeten Begrifflichkeiten dreht. Als wäre die Inkludierung von trans und nichtbinären feministischen Kämpfen allein durch die Ersetzung des Begriffs “Frau” durch “FLINTA” gegeben. Auch andere Sprech- und Schreibweisen finden wir unpassend. So soll das häufig gesetzte Sternchen hinter “Frauen*” anzeigen, dass es sich bei Geschlecht eine soziale Konstruktion handelt. Das ist jedoch keine besonders anzeigenswerte Erkenntnis, sondern eine banale Selbstverständlichkeit. Wir schreiben auch nicht “Nation*” oder “Kapitalismus*”, obwohl es sich hierbei um gesellschaftliche Konstruktionen handelt, die ebenso naturalisiert werden wie Geschlecht. Wir können hier beobachten, wie Sprachpolitik eine radikale Gesellschaftskritik ersetzt. Dies halten wir für eine äußerst problematische Entwicklung im Feminismus und der Linken. Mit dem linguistic turn der 90er Jahre, der richtigerweise auf die herrschaftsreproduzierende Wirkung von Sprech- und Schreibweisen hingewiesen hat, ging auch eine Entfernung der Kritik von materiellen Verhältnissen einher.

Richtig wurde angemerkt, dass reale Menschen sich nicht in die patriarchalen Zwangskategorien einteilen lassen. Die Vergeschlechtlichung des Subjekts führt immer zu Widersprüchen, auf die die Subjekte unterschiedlich reagieren.

Niemand geht komplett in seiner geschlechtlichen Sozialisierung auf. Die Vorsilbe cis impliziert jedoch eine bruchlose Identifikation mit der Zwangskategorie.

Wir nehmen die Kritik an, dass eine materialistische Analyse des Geschlechterverhältnisses immer mit real existierender geschlechtlicher Vielfalt vermittelt werden muss.